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Nintendo 3DS: Die eShop-Schließung ist ein Sargnagel für die Videospielarchivierung – Kolumne

Die eShop-Schließung ist eine Katastrophe für Pokémon-Fans – Kolumne

© Nintendo / Nintendo

Als Nintendo die Hiobsbotschaft verkündete, den eShop auf der Wii U und dem Nintendo 3DS am 27. März 2023 dauerhaft zu schließen, war kaum jemand wirklich überrascht.

 

Schon seit geraumer Zeit können Spieler auf alten Plattformen nach und nach keine digitalen Titel mehr erwerben und so war das gleiche Schicksal auch für die gescheiterte Konsole und den erfolgreichen Handheld abzusehen. Doch die Schließung des eShops ist nicht nur eine Katastrophe für die Videospielarchivierung im Allgemeinen, sondern für Pokémon-Fans im Speziellen.

Nintendo 3DS und Wii U: Diese Pokémon-Spiele verschwinden für immer

Denn unter den unzähligen digitalen Spielen, die mit dem Verschwinden auf dem Nintendo 3DS und der Wii U nicht mehr erhältlich sein werden, befinden sich zahlreiche Taschenmonster-Titel. Insgesamt 14 Haupttitel segnen frühzeitig das Zeitliche, 3DS-exklusive Spiele umfassen Pokémon X & Y, die Remakes Omega Rubin & Alpha Saphir und die Alola-Ausflüge Sonne & Mond sowie deren Ultra-Nachfolger. Gleich zwei Generationen werden so komplett dem offiziellen Handel entzogen.

Retro-Titel sind ebenfalls von der Abschaltung betroffen: Mit Pokémon Rot, Blau und Gelb verlieren Fans die Möglichkeit, zu den Anfängen des japanischen Sammelimperiums zurückzukehren, falls sie keinen Game Boy besitzen. Die mithilfe der Virtual Console erhältliche Johto-Generation mit Pokémon Silber, Gold und Kristall verabschiedet sich ebenfalls.

Auch unzählige Spin-Offs wie Pokémon Snap sind nach Nintendos Fingerschnippen nicht mehr per Download verfügbar. Neben Pokémon Picross, Rumble World und Shuffle auf dem Nintendo 3DS erwischt es auf der Wii U vor allem mehrere Spiele, die ihr mithilfe der Virtual Console genießen konntet, darunter jeweils drei Mal Pokémon Mystery Dungeon und Pokémon Ranger.

Der physische Wahnsinn: Horror-Preise auf Flohmärkten und eBay

Weil fast alle der oben aufgezählten Pokémon-Spiele auch physisch erhältlich sind, scheint die Schließung des eShops auf den ersten Blick nicht ganz so dramatisch. Doch wer in den letzten Jahren schon einmal versucht hat, alte Nintendo-Spiele gebraucht zu kaufen, dem wird schnell klar, dass das rückwärtige Sammeln eine wenn nicht unmögliche, dann zumindest extrem kostspielige Angelegenheit ist.

Selbst populäre Nintendo 3DS-Spiele sind bei regulären Händlern wie Amazon oder Saturn und MediaMarkt nicht mehr zu finden oder wegen Drittanbietern nur zu Mondpreisen: Für Pokémon Alpha Saphir werden bei Amazon schnell rund 79 Euro fällig, Pokémon X gibt es bei Saturn für schlappe 90 Euro zu kaufen – das ist doppelt so teuer wie der Originalpreis.

Auf eBay ist die Lage wenig überraschend auch nicht entspannter: Viele Verkäufer wissen, wie begehrt die Pokémon-Spiele sind und lassen nur selten Nachsicht walten. Wer im Jahr 2023 noch seine Sammlung an Nintendo 3DS-Spielen aufstocken will, egal ob anlässlich der eShop-Schließung oder nicht, muss tief ins Portmonee greifen.

Kein Medium für die Ewigkeit

Womit wir beim Thema Videospielarchivierung angelangt wären, die sich mit dem Laufe der Zeit immer und immer schwieriger gestaltet. Physische Kopien alter Spiele verschwinden aus dem regulären Handel oder sind nur noch vereinzelt zu Wucherpreisen erhältlich, der Second Hand-Markt sieht genauso aus. Wenn dann auch noch die Möglichkeit zum digitalen Kauf fehlt, bewegen wir uns quasi zum Zeitpunkt zurück, bevor diese Spiele überhaupt existiert haben.

Damit verschwindet ein großer Teil der Videospielkultur und -geschichte von einem auf den anderen Tag und geht für immer verloren. Ein Alleinstellungsmerkmal für das Medium, denn in den Bereichen Literatur, Film oder Musik ist dieses Problem wenn überhaupt nur in vergleichsweise kleiner Form vorhanden.

Zwar muss sich die Musik mit dem Aussterben von physischen Datenträgern herumschlagen, das abseits von CDs vor allem durch das Aufbegehren des Vinyl-Hypes immer mal wieder unterbrochen wird, digital sind Songs und Alben aber in größerer Anzahl verfügbar als jemals zuvor. Ähnlich sieht es bei Filmen aus, wo sich neben der Blu-Ray überraschenderweise auch die längst veralteten DVDs immer noch wacker halten.

 

Das Problem mit den Plattformen

Einer der wichtigsten Gründe: Das beständige Format. Musik kann dank Streaming auf allen fähigen Geräten abgespielt werden und CDs sind seit 40 Jahren der führende physische Datenträger. DVDs gibt es auch schon seit mehr als 25 Jahren und wurden nicht durch Blu-Rays abgelöst, sondern dürfen koexistieren. Bücher hingegen werden seit Einführung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert immer noch auf Papier gedruckt, der E-Book-Markt ist eine Ergänzung, kein Ersatz.

Videospielformate sind jedoch nicht nur Herstellerabhängig, sondern auch noch an die aktuelle Hardware gebunden: Ein Spiel von Nintendo lässt sich niemals auf einer PlayStation spielen und ein Wii U-Titel funktioniert auf keiner anderen Konsole, von Ports und Remakes einmal abgesehen. Nichtsdestotrotz investieren Branchengiganten kaum in die Abwärtskompatibilität.

Eine Ausnahme bildet der PC, der abseits von Komplikationen mit dem Betriebssystem für Beständigkeit sorgt. Wer sich in den rechtsfreien Raum vorwagt, kann auf dem hauseigenen Rechner dank Emulation auch Konsolentitel genießen, doch als offizieller Ersatz für eine ausreichende Videospielarchivierung ist dies nur schwerlich präsentierbar.

Wer sich also mit einem guten Virenschutzprogramm in die Tiefen des Internets begibt, wird Pokémon Sonne & Mond oder die Remakes von Rubin & Saphir auch nach dem 27. März ganz ohne Nintendo 3DS spielen können – obwohl wir euch davon aus rechtlichen Gründen natürlich entschieden abraten. Nintendos Entscheidung legitimiert das natürlich ebenfalls nicht.

Ein Mann, eine Mission: Die Rettung der 3DS- und Wii U-Spiele

Die traurige Nachricht von der Schließung des eShops auf dem Nintendo 3DS und der Wii U ist auch an dem YouTuber The Completionist nicht spurlos vorbeigegangen. Zusammen mit seinem Team hat er es sich zur Aufgabe gemacht, wirklich jedes einzelne Spiel zu kaufen, das nach dem 27. März nicht mehr digital erhältlich sein wird.

Alle 866 Wii U- und 1.547 Nintendo 3DS-Spiele hat Jirard Khalil, wie der YouTuber mit bürgerlichem Namen heißt, mit seinem Team erstanden und auf Festplatten gezogen, darunter natürlich auch die oben erwähnten Pokémon-Spiele. Die Odyssey hat mehr als 20.000 US-Dollar gekostet und fast ein ganzes Jahr gedauert.

Eine Dokumentation dieser Mission könnt ihr im eingebetteten Video anschauen und bekommt dabei die Steine zu sehen, die nicht nur verschiedene Einzelhändler, sondern vor allem Nintendo dem YouTuber in den Weg gelegt haben. Khalil hat mit der Aktion wohl einen größeren Beitrag zur Archivierung von Videospielen geleistet, als wir es von dem japanischen Unternehmen je erwarten dürften.

Die digitale Zukunft der Videospielarchivierung

Nicht jeder hat die Zeit, Energie und die Ressourcen, alle Spiele einer Plattform aufzukaufen, nur um in fünf, zehn oder fünfzig Jahren darauf zugreifen zu können. Branchengiganten wie Nintendo, Sony oder Microsoft gilt daher meine Bitte: Bemüht euch um Abwärtskompatibilität auf zukünftigen Konsolen, und sei sie auch nur digital.

Die im Nintendo Switch Online-Service enthaltenen Retro-Klassiker sind eine gute Methode, aber nicht annähernd flächendeckend genug – auch dann nicht, wenn man Titel von anderen Publishern und Entwicklern außen vorlässt. Warum beispielsweise sind die Pokémon-Spiele für den Game Boy und Game Boy Advance nicht längst auf der Nintendo Switch verfügbar?

Weniger realistisch ist mein Wunsch, man würde sich bei besagten Großkonzernen ein Herz fassen und die digitalen Shops auf alten Plattformen einfach offen lassen. Klar, das kostet Geld: Server bleiben am Stecker und ziehen Strom, aber so teuer kann das beim besten Willen nicht sein, als dass es die Videospielarchivierung aus kultureller und historischer Sicht nicht wert wäre.

Wer es versäumt hat, seit der Ankündigung 2022 den eShop auf seiner Wii U oder dem Nintendo 3DS zu besuchen und Last Minute-Einkäufe machen will: Noch bis morgen, dem 27. März habt ihr dafür Zeit und findet online mittlerweile jede Menge hilfreiche Einkaufslisten. Immerhin hat Nintendo keine Pläne, der Nintendo Switch in naher Zukunft den Saft abzudrehen.

Kommentare

19 Kommentare

  1. Levi  hat geschrieben: 27.03.2023 16:15 Quote zwecks Ping...
    Du bist ja auch aktiv im Forum. Überflieg doch mal die Kommentare und sag mal was dazu.
    Die Kritik an meiner Wortwahl ist nachvollziehbar. Ich habe das verbrannte Wort "ausmerzen" zwar vermieden, mit "auslöschen" und "Säuberungsaktion" aber nicht minder unpassende Vokabeln erwischt und diese daher angepasst. Dass das Thema nicht wichtig sei, teile ich aber nicht, sonst hätte ich die Kolumne ja nicht geschrieben.
    Ansonsten bin ich etwas verwundert, wie viele sich an dem Pokémon-Ansatz aufhängen. Ja, ich habe das als Aufhänger gewählt, aber er macht nur rund ein Drittel der gesamten Kolumne aus, die sich ansonsten deutlich stärker mit dem Aspekt der Videospielarchivierung auseinandersetzt. Der Nintendo 3DS ist im Jahr 2023 für die meisten nicht mehr unbedingt interessant, weshalb der Pokémon-Aufhänger das Thema etwas breiter aufstellen sollte und meine persönliche Perspektive als Fan der Reihe widerspiegelt. Die restlichen zwei Drittel der Kolumne gelten aber genauso für alle anderen Spiele, die mit der Schließung des eShops verloren gehen, von denen viele außerdem nicht physisch erhältlich sind.

  2. Levi  hat geschrieben: 27.03.2023 16:09
    WTannenbaum hat geschrieben: 27.03.2023 14:29
    Glaub er wollte darauf hinaus, dass es 3DS Emulatoren fürs SteamDeck gibt und man damit das Problem umgeht.
    Und ihm, NotSo_Sunny, ging es darum, dass er auch kein Problem damit hat, Kram auf einer Switch illegal zu zocken.
    Ohhh es hat gedauert aber jetzt ist der Groschen gefallen. Danke :Blauesauge:

  3. WTannenbaum hat geschrieben: 27.03.2023 14:29
    Glaub er wollte darauf hinaus, dass es 3DS Emulatoren fürs SteamDeck gibt und man damit das Problem umgeht.
    Und ihm, NotSo_Sunny, ging es darum, dass er auch kein Problem damit hat, Kram auf einer Switch illegal zu zocken.

  4. NotSo_Sunny hat geschrieben: 26.03.2023 15:00
    Sildorian hat geschrieben: 25.03.2023 19:18
    Spoiler
    Show
    Bild
    Falsches Handheld. Nimm das bitte ernst!
    Bild
    Glaub er wollte darauf hinaus, dass es 3DS Emulatoren fürs SteamDeck gibt und man damit das Problem umgeht.
    Zum Artikel bzw. an den Autor: "Säuberungsaktion", "komplett ausgelöscht", "aus der Existenz gelöscht", "von einem auf den anderen Tag einfach ausgelöscht und geht für immer verloren" - komm' mal wieder runter. Hier geht es nicht um einen Genozid sondern um ein paar Videospiele, die man nicht mehr im offiziellen Store bekommt. Der Drama Queen Modus verwässert nur unsere Sprache und lenkt damit von wirklich wichtigen Dingen ab.

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