Veröffentlicht inNews

Nach Massenentlassungen: Spieler haben zu wenig Mitleid mit Entwicklern – und das macht mich fassungslos

Spieler haben zu wenig Mitleid mit Entwicklern – und das macht mich fassungslos

© 4Players / 4Players

Ganz oben stand es auf dem Wunschzettel von Kollege Sören

, den er Ende letzten Jahres verfasst hat, und der die Gaming-Industrie 2024 für alle ein bisschen besser machen sollte: Weniger Entlassungen.

 

Viele kleine und große Unternehmen hatten 2023 einen Haufen Mitarbeiter vor die Tür gesetzt, bei Microsoft lag die Anzahl Betroffener sogar im fünfstelligen Bereich. Mittlerweile haben wir März und statt besser ist alles nur noch schlimmer geworden: Bereits in den ersten zwei Monaten jagte eine Nachricht über Entlassungen die nächste. Neben den Meldungen selbst schockieren mich aber vor allem die Reaktionen darauf.

Nach Massenentlassungen: Spieler haben zu wenig Mitleid mit Entwicklern – und das macht mich fassungslos

Spieler haben zu wenig Mitleid mit Entwicklern - und das macht mich fassungslos

Wo ist nur euer Mitgefühl?

Die Schlagzeilen, vor allem wenn es um namhafte Firmen wie EA oder Sony geht, machen natürlich auch in den sozialen Medien die Runde und werden dort heiß diskutiert. Neben bedrückten Beileidsbekundungen und Wünschen für das schnelle Finden einer neuen Anstellung gibt es darunter eine erschreckende Menge an Kommentaren, die für die Lage der von den Entlassungen betroffenen Programmierer, Künstler oder Q&A-Tester – um nur drei der vielen abgebauten Stellen zu benennen – keinen Funken Mitgefühl oder Verständnis mitbringen.

Nicht nur unter den offiziellen Ankündigungen der Unternehmen auf Twitter, sondern auch auf unserer eigenen Facebook-Seite sind Kommentare zu lesen wie: „Sehr gut. Weiter so“, oder „Schiebt nicht so eine Welle“– als hätten da nicht gerade Hunderte oder Tausende von Menschen ihre Lebensgrundlage verloren und als wäre das kein Thema, über das man sich aufregen sollte. „Tut nicht so, als würde das nicht jeden Monat passieren und als hätte das irgendeine Bedeutung“, schreibt ein Nutzer auf Twitter, als würde der Akt des Gefeuertwerdens für die Individuen weniger dramatisch, nur weil er derzeit allgegenwärtig ist.

Jubel und Lob für massenweise Kündigungen: Wie würdet ihr reagieren, wenn man euren Jobverlust so kommentieren würde?

„Ich finde das sind gute Neuigkeiten. Vielleicht wird dann in Zukunft endlich wieder mehr Wert auf Qualität gelegt“, heißt es in einer anderen Nachricht; als wären die vorher angestellten Mitarbeiter persönlich dafür verantwortlich, dass Spiele aufgrund zu enger Zeitfenster und unrealistischen Ansprüchen von oben zu früh und unfertig auf den Markt geworfen werden. Und selbst wenn dies tatsächlich der Fall wäre: Wie kann man Menschen deshalb wünschen, ihren Job zu verlieren, nur weil man ihr Produkt unzureichend fand? Ich hoffe ja auch nicht, dass die Macher von Thor: Love and Thunder auf der Straße landen.

Es ist ein Phänomen, das vor allem in den Bereichen Kunst und Unterhaltung viel zu häufig auftritt: Wenn Konsumenten mit einem Werk unzufrieden sind, dann projizieren sie ihren Unmut direkt auf die Macher und anstatt zu hoffen, dass das nächste Projekt besser wird, hagelt es Beschwerden und Hass – vom Wunsch zur Entlassung bis zur noch viel absurderen Todesdrohung. Man denke nur an The Last of Us Part 2 zurück, wo nicht nur Game Director Neil Druckman angefeindet wurde, sondern sogar das ungeborene Kind von Abby-Darstellerin Laura Bailey (via Kotaku).

Solange der Rubel rollt

Eines der häufigsten Argumente, das zur Legitimation der Entlassungen genutzt wird, ist das des Marktes, des Geldes, der Gewinne. Wer die Entscheidungen von Sony, Epic Games und den anderen verantwortlichen Firmen kritisiert, der versteht einfach nur nicht, wie ein Multimillionen-Dollar-Unternehmen zu agieren hat, um erfolgreich zu bleiben – klar, wer kein CEO ist, darf die Praktiken und Entscheidungen der Geschäftsführer natürlich nicht infrage stellen. Wenn das Geld stimmt, kann man schon mal seine Menschlichkeit vergessen; insbesondere, wenn man gar nicht selbst für besagte Firma arbeitet, sondern einfach nur Lust hat, im Internet herumzustänkern.

„Es ist ein Markt. Der ist irgendwann satt und dann gehen Leute. Da mittlerweile KI diverse Zuarbeit übernehmen kann und auch Assets etc Verwendung finden, ist es kein Wunder, dass irgendwann weniger Leute benötigt werden. Ganz normaler Gang, vorallem in solch einer Branche.“ Denn weil etwas normal ist, ist es auch gut, und wenn die künstliche Intelligenz, die uns Menschen das Leben eigentlich einfacher machen soll, anstatt es zu verschlimmern, günstiger ist, dann ist es ja nur logisch, dass wir die hart arbeitenden Kreativen auf die Straße setzen.

Der heilige Markt: Damit ein Unternehmen profitabel ist, darf es nicht menschlich sein. Und außenstehende Kommentatoren offenbar auch nicht.

„Es ist ein Geschäft und nicht die Wohlfahrt“, schreiben Menschen, deren Berufe ich nicht kenne, die aber sicherlich genauso wenig vor einer Kündigung gefeit sind, wie die Hunderten von Sony-Angestellten, die durch die Schließung des Londoner Studios jetzt nach einem neuen Weg suchen müssen, sich und ihre Familie zu ernähren. Ich kann einfach nicht nachvollziehen, warum man das milliardenschwere Unternehmen verteidigt, anstatt sich auf die Seite des kleinen Mannes zu stellen, an dessen Position die Kommentatoren doch in 99 Prozent der Fälle viel näher dran sind.

Auf die wirtschaftlichen Hintergründe und Strukturen will ich in dieser Kolumne gar nicht eingehen – ich habe schließlich Literatur und nicht BWL studiert. Aber dass man kein Mitleid für die entlassenen Mitarbeiter empfindet, sondern die Entscheidungen von oben rationalisiert, obwohl die Chefetage für ihren Führungsstil nicht abgestraft wird, sondern die einfachen Mitarbeiter, die nur Befehle ausführen; das will mir beim besten Willen nicht in den Kopf.

Ein Funken Hoffnung

Es sei erwähnt, dass inmitten dieser kargen Kommentarlandschaft auch einige hoffnungsvolle Blumen blühen: „Einerseits natürlich beschissen das[s] viele Mitarbeiter gerade entlassen werden. Aber vielleicht ist das auch eine Chance das[s] die entlassenen Mitarbeiter neue kreative Studios bilden und so neue tolle Spiele/ Franc[h]ises entstehen“, schreibt einer unserer Leser auf Facebook. Und auch, wenn das vielleicht ein bisschen zu einfach gedacht ist, so symbolisiert es dennoch, dass aus Trümmern wieder etwas Neues entstehen kann – frei von der Gier der Großkonzerne.

Am Ende hoffe ich natürlich in erster Linie, dass die grausamen Massenentlassungen aufhören und sich die Lage in der Branche stabilisiert. Niemand hat es verdient, wegen Missmanagement von oben seinen Job zu verlieren – und dann auch noch im Internet dafür verhöhnt zu werden. Doch wenn die Industrie weiter bröckeln und auf den von einigen Seiten vorhergesagten Crash zusteuern sollte, weil Entwicklungszyklen zu lang und zu teuer werden, dann wünsche ich mir wenigstens, dass die daraus folgenden Kündigungen auf warme Worte und vielleicht liebenswerte Empfehlungen für neue Stellenangebote stoßen.

Kommentare

114 Kommentare

  1. Akabei2 hat geschrieben: 25.03.2024 10:43 Der Forensiker von "Die Partei"?
    Ja. Der hält regelmäßig Vorträge an irgendwelchen Orten und Unis and whatnot, wo er die neuesten Studien etc. zeigt und dabei ein bisschen sein eigenes Insektenwissen einbringt. Ehrenmann. Bin zwar schon lange weg von der Die Partei (also was die Idee angeht, da nen Kreuzchen zu machen, was ich vll irgendwann mal in meinem Leben auch gemacht habe), aber soll mir egal sein, dass er in der Partei ist xD
    Und ne, er ist sicher nicht dafür, Insekten zu essen, weil das Tiere sind und er ja weiß, wie die gerade am Aussterben sind.

  2. Meines Wissens nach sollte das kein allzu großes Problem sein. Der Großteil des Bodens muss sowieso der Natur zurückgegeben werden, damit sie sich erholen kann. Aber mehr als irgendwelche Vorträge von Mark Benecke habe ich da nicht als "Beweis" vorzulegen.

Hinterlassen Sie bitte einen Kommentar.

Seite 1