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Wildfrost (Taktik & Strategie) – Kartenspielhagel mit Sonnenschein-Optik und eisigem Schwierigkeitsgrad

Slay the Spire, Monster Train, Roguebook: Im Genre der Roguelike-Deckbuilder herrscht knallharte Konkurrenz und ein eisiger Kampf ums Überleben. Perfekte Voraussetzungen also für Wildfrost, bei dem sich hinter der putzigen Präsentation ein frostiger Kern versteckt. In mehr als 45 Stunden haben wir uns in der bitterkalten Tundra hitzige Kartenduelle geliefert, dabei nicht nur uns selbst, sondern auch das Auge des Schneesturms besiegt und verraten im Test, ob Wildfrost für wohlige Winterwonne sorgt oder im Schnee stecken bleibt.

© Deadpan Games, Gaziter / Chucklefish

Frostiger Fortschritt

Sobald ihr euch dabei verkalkuliert und euer Anführer zu schockgefrorenem Speiseeis verarbeitet wird, offenbart sich die wahre Natur von Wildfrost. Denn als Roguelike-Deckbuilder gehören Permadeath und eine gehörige Portion Zufall natürlich zum Rahmenprogramm des Genre-Frischlings. Dauerhaften Fortschritt gibt es zwar, der findet aber ausschließlich durch das Freischalten neuer Karten statt, wodurch die Durchgänge nach und nach durch neue Begleiter oder Gegenstände erweitert werden.

 

 

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Um neue Karten für kommende Durchgänge freizuschalten, müsst ihr bestimmte Bedindungen erfüllen. © 4P/Screenshot

Verbesserungen, die euch nach dem Scheitern oder Abschluss eines Runs erhalten bleiben, gibt es hingegen keine, weshalb der gewünschte Erfolg nur durch das Schulen eurer taktischen Talente eintritt und nicht durch eine hohe Stundenzahl garantiert wird – hier unterscheidet sich Wildfrost beispielsweise von einem Hades und orientiert sich eher an einem Slay the Spire. Die Freischaltbedingungen sind zwar mitunter etwas spezifisch, belohnen deshalb aber auch das Ausprobieren verschiedener Strategien und Kombinationen.

 

 

Abwechslung erfolgt in Wildfrost über eure Karten und Kumpanen, nicht über eure Gegner. Dank verschiedener Mechaniken wie Tinte (deaktiviert vorübergehend Effekte), Schnee (verlangsamt Zähler) oder Pilzen (verursachen kontinuierlichen Schaden) sowie unterschiedlicher Gegenstände und Gefährten, die davon Gebrauch machen, ist für Spieltiefe gesorgt und ihr habt selbst in der Hand, wie ähnlich sich Durchgänge im Vergleich wirklich anfühlen. Im Gegensatz dazu bleiben die Auseinandersetzungen mit den frostigen Bewohnern des Spiels größtenteils gleich: Bei Minibossen und Endgegnern trefft ihr auf eine von zwei zufällige Varianten, ebenso verhält es sich für die Begegnungen mit regulären Feinden, darunter streitlustige Schneemänner, gepanzerte Waschbären und garstige Giftpilze.

Eure treuen Gefährten sorgen nicht nur für Abwechslung, sondern schützen euren Anführer auch vor tödlichen Treffern. Pfleglich solltet ihr trotzdem mit ihnen umgehen: Werden sie besiegt, sind ihre Werte für den nächsten Kampf halbiert.

Habt ihr erfolgreich einen Durchgang abgeschlossen, könnt ihr euch zukünftige mit zusätzlichen Einstellungen noch schwieriger gestalten und bekommt als Belohnung den wahren Endgegner von Wildfrost zu Gesicht. Wenn auch der mit dem Bauch nach unten im Schnee liegt und ihr alle Karten freigeschaltet habt, sind die Ressourcen des Spiels ausgeschöpft. Bei mir hat das gut 45 Stunden gedauert, womit Wildfrost zu den kürzeren Vertretern des Genres gehört, insgesamt aber einiges zu bieten hat. Für weiteren Wiederspielwert sorgt die tägliche Herausforderung, bei der ihr euch mit einem vorgegebenen Starterdeck auf einer globalen Rangliste gegen andere Spieler messen könnt.

 

Die saure Kirsche auf dem sonst so süßen Eisbecher

Obwohl Wildfrost mit seinen simpel scheinenden Mechaniken und den darunter verborgenen, vielseitigen Kombinationsmöglichkeiten eine Sogwirkung entfaltet, die mich von einem Durchgang in den nächsten gezogen hat, ragt aus dem wunderschönen Winterkleid ein schmerzhafter Eiszapfen. Auf Steam haben sich die User-Wertungen zwar mittlerweile erholt, doch zum Release des Spiels lag Wildfrost gerade mal bei 60 Prozent positiver Reviews. Grund dafür: Der hohe Schwierigkeitsgrad. Und ja, auch ich habe im Test die klirrende Kälte der Karten zu spüren bekommen.

 

 

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Die ein oder andere Begegnung kann schnell euer Ende bedeuten: Beispielsweise, wenn ihr dämonisiert seid und deshalb doppelten Schaden erleidet. © 4P/Screenshot

Schon kleine Fehler werden gnadenlos bestraft und können zum sofortigen Scheitern führen. Bekommt ihr nicht mit, dass sich euer Anführer in Gefahr befindet und spielt eine Karte, nur um von einem Gegner getroffen zu werden, der aufgrund der Eigenschaft „ziellos“ einen willkürlichen Charakter in der jeweiligen Reihe attackiert, ist der Durchgang in Windeseile vorbei. Eine optional aktivierbarer Warnhinweis, der bei akuter Gefahr für den Anführer ausschlägt und so zumindest noch eine neue Chance zum Nachdenken ermöglicht, wäre in dieser Hinsicht Gold wert. Immerhin: Die Entwickler versprechen zukünftige Updates mit mehr Optionen und zusätzlicher Zugänglichkeit, damit sich jeder Reisende den Ausflug in die eisige Tundra von Wildfrost so unbarmherzig oder angenehm gestalten kann, wie er möchte.

 

 

Das umfasst hoffentlich auch geringfügige Abschwächungen für einige Begegnungen: Zwar belohnt Wildfrost taktisches Vorgehen, ein Quäntchen Glück gehört aber nichtsdestotrotz dazu und spätestens im letzten Akt beißen sich Pechvögel die Zähne aus. Hinzu kommt, dass die Werte und Eigenschaften der Anführer zufällig zusammengewürfelt werden und daher extrem unausgeglichen sind: Weil das Ableben des Oberhaupts euer Scheitern bedeutet, sind niedrige Lebenspunkte oder schwache Fähigkeiten zu riskant, weshalb ich mich bisweilen genötigt gefühlt habe, den Stärksten aus der aktuellen Rotation zu wählen, auch wenn das bedeutet, einen Stamm spielen zu müssen, auf den ich vielleicht gerade keine Lust hatte.

 

 

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Ein volles Deck ist nicht automatisch auch ein gutes: Damit ihr die Karten zieht, die ihr wirklich braucht, solltet ihr ab und an welche rausschmeißen. © 4P/Screenshot

Ein Kritikpunkt hinsichtlich des Schwierigkeitsgrades begibt sich ins Spoiler-Territorium, solltet ihr bezüglich des finalen Bosses also wirklich gar nichts wissen wollen, springt bitte zum nächsten Absatz: Weil bei einem erfolgreichen Durchgang euer genutztes Deck zum Endgegner und euer Anführer zum Oberboss wird, bestraft Wildfrost in gewisser Hinsicht optimales Spielen. Denn je stärker euer Deck war, desto schwerer wird es beim nächsten Durchgang. Eine coole Idee, die für Herausforderung sorgt und von euch exakt zugeschnittene Gegenmaßnahmen verlangt – beizeiten aber auch frustrieren kann, wenn das zuvor gebaute Deck schier unbesiegbar erscheint. Glücklicherweise bekommt ihr bei erneutem Scheitern wieder einen zufälligen Endgegner vorgesetzt, sodass die Karten neu gemischt werden. Trotz aller Kritik am Schwierigkeitsgrad: Das clevere Manövrieren durch knifflige Situationen und der Sieg um Haaresbreite sorgen gerade wegen der harten Herausforderung für unvergleichliche Hochgefühle.

 

Kommentare

3 Kommentare

  1. schockbock hat geschrieben: 28.05.2023 00:03 Schöner Test! Kommt nur ein, zwei Tage zu spät, oder? Ich meine, falls man damit ernsthaft Kundschaft anlocken wollte.
    Danke. :) Genau wie bei Paranormasight war ich auch zum Release-Zeitpunkt von Wildfrost noch nicht als Tester hier tätig. Und da man hier in der Community darauf hingewiesen hat, dass 4Players stets abseits des Mainstreams getestet und potenzielle Perlen ausgebuddelt hat, über die man sonst vielleicht nicht gestolpert wäre, wollte ich euch die beiden Titel nicht vorenthalten - auch, wenn es zwei Monate nach Release sein muss. :ugly:

  2. schockbock hat geschrieben: 28.05.2023 00:03 Wenn ich anfange, aus Langeweile Tests zu Deckbuildern - einem meiner absoluten Anti-Genres - zu lesen, sagt das viel über den Zustand... na ja, genug damit.
    ...
    Vielleicht verstehe ich die Aussage falsch. Aber so wie ich das verstehe, sagt das irgendwie mehr über dich, als diese Seite aus.

  3. Wenn ich anfange, aus Langeweile Tests zu Deckbuildern - einem meiner absoluten Anti-Genres - zu lesen, sagt das viel über den Zustand... na ja, genug damit.
    Schöner Test! Kommt nur ein, zwei Tage zu spät, oder? Ich meine, falls man damit ernsthaft Kundschaft anlocken wollte.

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