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God of War (Action-Adventure) – Zum Gipfel der Welt

Vor der Veröffentlichung sorgte die Neuausrichtung von God of War auch für skeptische Reaktionen: Dabei ging es um das fehlende freie Springen, die näher positionierte Kamera, das nordische Szenario sowie Kratos als Vater – die modernisierte Perspektive und Dramaturgie kamen nicht bei allen Fans an. Hat Sony Santa Monica fünf Jahre in die falsche Richtung entwickelt? Oder gelingt dem Team um Cory Barlog die Wiedergeburt eines der erfolgreichsten Action-Adventures aller Zeiten? Am
20. April könnt ihr euch selbst ein Bild machen. Wir verraten euch im Test, wie uns der Spartaner im Exil gefällt.

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Lebendige Erzählweise

Erzählweise? Klingt banal, ist aber sehr entscheidend. Früher gab es Action hier und Zwischensequenzen da. Jetzt gibt es eine harmonische Regie wie aus einem Guss. Ja, das soll es auch woanders geben, aber eben nicht so flüssig und geschickt verflochten wie hier. Die wunderbare Neugier des Jungen ist dabei der Motor, der wie ein digitaler Pageturner funktioniert. Er hört nicht auf zu brummen und man spielt Stunde um Stunde. Wieso ist das so?

Recht früh entdeckt man im Zentrum von Midgard einen riesigen See, an dessen Stränden viele Höhlen und Türme locken, während sich die gewaltige Midgardschlange wie ein schuppiger Berg auf einen Gipfel schmiegt – fährt man nah genug ran,

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Während der Bootsfahrten erzählt Kratos manchmal Geschichten. © 4P/Screenshot

kann man sie atmen sehen. Wenn man nach einem Kampf wieder ins Boot steigt, um all die Inseln und Ufer rudernd zu erkunden, setzt nach ein paar Sekunden das Storytelling ein, indem Atreus mit seinen Fragen beginnt. Und er will natürlich alles über diese Ruinen, Götter und die eigenen Ziele wissen, was Kratos nur kurz angebunden oder gar nicht beantwortet: Schau mal, die Statue ist ja riesig! Ist Thor wirklich so groß? Unwahrscheinlich. Wieso existieren Geister? Hast du welche getroffen? Viele. Wie waren sie? Lästig.

Nicht nur Bewegungen, Verhalten und Mimik, auch die Neugier des Jungen wird hier wunderbar dargestellt: Als sich der Wasserspiegel des Sees senkt, weil sich die Midgardschlange bewegt, gibt es irgendwann ganz neue Strände und Buchten – worauf sich Atreus kaum halten kann, weil er alles erkunden will. Hier spiegelt man auch die Vorfreude des Spielers, der ja ebenfalls weitere Schätze und Ausrüstung, Tempel und Kreaturen finden will.

Die erfrischende Neugier der Jugend

Kratos (und damit der Spieler) wird übrigens geschickt vorgeführt, als er stoisch dem Hauptziel zum Gipfel folgen will, aber Atreus süffisant anmerkt, dass er doch gerade auch etwas nebenher eingesammelt hat. Der Junge will am liebsten jedem Geist und jeder Kreatur helfen, jeden Auftrag verfolgen und jeden Ort besuchen – welche Konsequenzen das hat, wird Kratos ihm allerdings auch demonstrieren. Aber Atreus ist hartnäckig, bearbeitet seinen wortkargen Vater immer weiter. Es ist einfach köstlich, wenn der Kleine, der bisher all den spannenden Geschichten seiner Mutter lauschte, dann auch mal von seinem Vater eine hören will – und mit trockenen Spartanerhäppchen Vorlieb nehmen muss.

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Im Zentrum des Sees blickt Kratos von Tyrs Tempel auf die anderen Türme. Man kann sie alle entzünden, wenn man denn die Kämpfe besteht. © 4P/Screenshot

Kratos kennt so ziemlich die kürzesten und trockensten Fabeln der Welt: Etwa die Geschichte von dem zum Tode verurteilten Dieb, der seiner Mutter beim Besuch das Ohr abbeißt, weil sich Menschen eben nicht ändern. Oder jene vom Frosch und dem Skorpion, die beide ertrinken, weil der eine dem anderen in seiner Naivität vertraute. Die darauf folgenden Dialoge zwischen Vater und Sohn, der sich wie ein Literaturkritiker über die fehlende Dramaturgie beschwert, sind einfach klasse. Ich hab mich selten so über kleine Szenen in einem Videospiel amüsiert.

Bisher habe ich Atreus herausgehoben, und ich würde ihn am liebsten adoptieren, aber Kratos wird ebenfalls sehr gut charakterisiert, so dass weitere Facetten seiner Persönlichkeit sichtbar werden – gerade für Kenner der Vorgänger gibt es subtile Hinweise, die wie Echos aus seiner antiken Vergangenheit nachhallen. Er weiß, dass er eigentlich das Monster ist, schließlich hat er seine ganze Familie umgebracht und genau in diese Wunde legt die Story des Öfteren den Finger. Auch mit ihm kann man sich als Vater identifizieren, zumal er mit seiner direkten kämpferischen, aber gleichzeitig skeptischen Art vielleicht sogar die Mentalität der späten Wikingerzeit trifft. Gerade als er betont, man solle auf seine eigenen Fähigkeiten vertrauen, nicht aber auf die tückischen Legenden der Götter hören, zitiert er fast wortwörtlich die überlieferten Aussprüche einiger Helden und Könige nordischer Sagen, die auf Nachfrage nach dem Glauben antworteten, sie würden eher „truá á mátt sinn ok megin“, also an die eigene Kraft und Stärke glauben. Das haben einige als frühen Atheismus gedeutet, andere als Synkretismus oder doch als Urvertrauen in einen Gott. Egal was es ist: Dass mich dieses Videospiel auf so vielen Ebenen anspricht, liegt natürlich auch an meiner Vergangenheit als Skandinavist, der sich im Studium mit den alten Sagen befasst hat. Aber gerade dann ist es für ein Videospiel eine besondere Leistung, nicht wie so oft in Oberfläche und Kitsch zu versinken.

Kommentare

1227 Kommentare

  1. DerSnake hat geschrieben: 22.03.2021 23:40 [...]
    Witzig. Ich bin gerade dabei, den Titel aus meiner Pile of Shame endlich anzugehen, habe bereits das Licht von Alfheim geholt und befinde mich nun auf dem Rückweg.
    Nicht nur, dass die Architektur und Grafikpracht überwältigend sind. Auch das Kampfsystem setzt auf Varianz, die bei einigen Gegnern auch bitter nötig ist. Dazu noch nette kleine Geschicklichkeits- und Rätseleinlagen, zwar nicht sehr anspruchsvoll, jedoch eine willkommene Abwechslung zu den Kämpfen.
    Im Vergleich zu den arcadigen und trashigen Vorgängern tut diese offene Welt, die Perspektive und reife Erzählweise der Reihe sehr gut. Ein weiteres Trash-/Schlachtfest wäre eher more of the same in besserer Grafik und mithin irgendwie langweilig geworden. Insofern ein richtiger und wichtiger Schritt.
    Ich bin begeistert! Und im Gegensatz zu Jörg mag ich Sammelkram, das weckt die Entdeckerlust in mir.

  2. Hmm ich weiß nicht irgendwie machten mir die alten Teile mehr spaß, Ich werde mit diesen GoW einfach nicht warm und das Kampfsystem finde ich langweilig. Der Anfang war noch gut aber dann fing diese mini Open World an + dieses Crafting System will mir gar nicht gefallen weil ich mir denke das es nur eingebaut wurde weil es heute so viele Spiele haben müssen. Ich will nicht irgendwelche Rüstungen verbessern oder Fähigkeiten. Bzw nicht in diesen Umfang. Dazu kommt das neue KS System was einfach nicht bocken will...zündet bei mir leider nicht :(

  3. TR2013 hat geschrieben: 07.01.2021 22:01 Spiele gerade erstmals GoW. Kenne die Vorgänger nicht. Sollte man sich auf Youtube eine Story Zusammenfassung ansehen oder ist es besser alles nur durch das Spiel zu erfahren? Atreus denkt ja zu Beginn dass wir "niemand" sind. Mehr weiß ich noch nicht.
    Hier hat der Trant von Game Two die Story lustig auf hessisch aufbereitet https://youtu.be/lXR8HSlrb4Y

  4. winkekatze hat geschrieben: 08.01.2021 15:00
    TR2013 hat geschrieben: 07.01.2021 22:01 Spiele gerade erstmals GoW. Kenne die Vorgänger nicht. Sollte man sich auf Youtube eine Story Zusammenfassung ansehen oder ist es besser alles nur durch das Spiel zu erfahren? Atreus denkt ja zu Beginn dass wir "niemand" sind. Mehr weiß ich noch nicht.

    Schaden kann es nicht, aber es ist auch nicht wirklich notwendig. Um die Story zu verstehen wird das Wissen über die Story der Vorgänger nicht wirklich benötigt. Die Geschichte der vorherigen Teile war im Grunde abgeschlossen. Um zu wissen wer Kratos ist und was er in der Vergangenheit erlebt hat, könnte es trotzdem interessant sein, sich eine Zusammenfassung anzuschauen.
    Andererseits ist GoW ein Neuanfang und baut ja bewusst auf Atreus Unwissenheit auf. Die Überraschung ist umso größer wenn man die Vorgänger nicht kennt. Die man übrigens auch wirklich nicht kennen muss für das neue GoW. Würde ich mir nach dem durchspielen in einer Zusammenfasssungen angucken. Aber streng genommen ist die Story eh recht dünn und in ein paar Sätzen komplett erklärt.

  5. TR2013 hat geschrieben: 07.01.2021 22:01 Spiele gerade erstmals GoW. Kenne die Vorgänger nicht. Sollte man sich auf Youtube eine Story Zusammenfassung ansehen oder ist es besser alles nur durch das Spiel zu erfahren? Atreus denkt ja zu Beginn dass wir "niemand" sind. Mehr weiß ich noch nicht.

    Schaden kann es nicht, aber es ist auch nicht wirklich notwendig. Um die Story zu verstehen wird das Wissen über die Story der Vorgänger nicht wirklich benötigt. Die Geschichte der vorherigen Teile war im Grunde abgeschlossen. Um zu wissen wer Kratos ist und was er in der Vergangenheit erlebt hat, könnte es trotzdem interessant sein, sich eine Zusammenfassung anzuschauen.

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